Leben

Zum Sterben gehören nicht nur das Weinen und das Traurigsein

Bringt es mir etwas, über den Verlust eines geliebten Menschen zu reden? Können die mich im Hospizverein überhaupt verstehen? Und es ist bestimmt alles ganz traurig und in dunklen Farben gehalten …

„Unsere Gruppenstunden sind bunt und fröhlich, aber auch mit Bezug zur Trauer gestaltet“, sagt Christiane Bock, eine der Koordinatorinnen des ambulanten Hospizverein LEBENSKREIS e. V. Außerdem finden die Koordinatorinnen: „Trauer hört sich immer so trist und muffig an und ist definitiv kein Tabu!“ In dem hellen und gemütlich eingerichteten Trauerkaffee des Hospizes berichten Christiane Bock und ihre Kollegin Dorothee Franke von ihrer Arbeit.

Zusammen mit Andrea Henseler leiten sie hauptberuflich den ambulanten Hennefer Hospizverein, in dem außerdem 50 Ehrenamtliche engagiert sind. Der Hospizverein bietet ein Trauercafé an, die Begleitung von sterbenden Menschen, Gruppen- und Einzeltrauerbegleitung, Kindertrauerbegleitung – und seit November 2017 auch die Jugendtrauerbegleitung.

„Das ist durch viele Anfragen von betroffenen Familien zustande gekommen“, erzählt Christiane Bock, „hier im Umkreis gibt es so eine Begleitung erst wieder in Köln und in Bonn.“ Auch ist es ihr wichtig zu betonen, dass von den 50 ehrenamtlichen Helfern 24 eine Trauerbegleitungsbescheinigung gemacht haben, dass bedeutet eine fachliche Weiterbildung von rund 200 Stunden. Dorothee Franke erklärt: „In der Kinder- und Jugendtrauerarbeit arbeitet keiner mit, der keine Ausbildung zur Trauerbegleitung hat.“

Kinder und Jugendliche trauern anders


Der Umgang mit der Trauer von Kindern und Jugendlichen stellt andere Anforderungen an die Begleiter als die Trauerarbeit mit Erwachsenen. Kinder und Jugendliche trauern nicht durchgängig. „Bei Kindern ist es so, als ob sie in eine Pfütze springen. Wenn sie in der Pfütze stehen, sind sie tief traurig und wissen gar nichts mehr. Und im nächsten Moment hüpfen sie wieder raus, weil sie beispielsweise einen Ball gesehen haben, dann ist die Welt wieder in Ordnung“, erklärt Christiane Bock. Die Jugendtrauer hingegen ist komplizierter. Hier vermischt sich die plötzliche kindliche Trauer mit der erwachsenen, eher kontrollierten Trauer.

„In der Schule ist es oft so, dass die Kinder ein Exot sind, wenn Mama oder Papa gestorben sind“, erzählt Christiane Bock. Dann fühlen sie sich alleine gelassen und können in ganz alltäglichen Situationen aggressiv reagieren, wobei die Kinder und Jugendlichen meistens gar nicht genau wissen, warum. Dorothee Franke sagt, dass Kinder und Jugendliche in der Gruppe des Hospizvereins anderen mit demselben oder einem ähnlichen Schicksal begegnen: „Wenn die Kinder sehen, dass sie mit der Trauer nicht alleine sind, nimmt ihnen das schon eine große Last ab.“

Auch sind beide der Meinung, dass Trauerbewältigung einfach zum Leben dazugehört und es wichtig ist, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. „Für Jugendliche ist es wichtig zu wissen, der Verstorbene hat in unserem Herzen noch einen Platz, obwohl er nicht mehr bei uns sein kann. Damit kann man dann auch gut weiterleben, sonst kann die nichtbewältigte Trauer einen auch einfach krank machen. Wir helfen somit den Jugendlichen, wie auch den Kindern, dem Verstorbenen einen Platz zuzuweisen“, erklärt Christiane Bock.

„Das soll hier auch kein Treffpunkt zum dauerhaften Heulen sein, sondern ein Ort, wo die Jugendlichen sprechen können. Hier wird auch schon mal hochalbern rumgegiggelt und gelacht, aber natürlich gibt es hier auch traurige Momente“, beschreibt Frau Franke die Atmosphäre der Treffen. Die Jugendtrauerbegleitung findet einmal im Monat statt. „Wir haben die Jugendgruppe im Gegensatz zur Kindergruppe etwas offener gestaltet“, erzählt Frau Bock.

Rituale stärken und geben Halt

In der Trauerbegleitung setzen sich die Kinder und Jugendlichen intensiv mit dem Verstorbenen auseinander. „Am Anfang gestalten wir immer eine Kerze für jeden und eine Gruppenkerze. Unser Anfangs- und Endritual ist dann das Anzünden und Auspusten der Kerzen“, erklärt Christiane Bock. Auch werden beispielsweise Erinnerungskisten gebastelt, Bilderrahmen für ein Bild des Verstorbenen verziert oder Seelenbretter gebastelt. Die Seelenbretter sind ein Ort für die Kinder, wo sie mit ihrer Trauer hingehen können, wenn das Grab weiter weg ist. Um mit ihrer Wut zurechtzukommen, bemalen sie Kissenbezüge mit Gefühlen.

„Die können bei Bedarf so richtig in die Ecke gepfeffert werden, ohne dass etwas kaputt geht“, erklärt Dorothee Franke. Der Gestaltung von Salzgläsern kommt eine besondere Bedeutung zu. So wird erst ein Buch gelesen, in dem ein Bär jeden Tag in der Farbe seiner Gefühle eine Reihe in den Schal webt. Dorothee Franke verdeutlicht: „Wir können jetzt nicht innerhalb von zwei Stunden einen Schal der Gefühle weben. Wir schichten dann buntes Salz aufeinander, als Symbol für gute und schlechte Tage. Das ist ein Mutmacher, der zeigt, dass nach jedem schlechten Tag wieder ein guter folgen wird.“

Ein offener Ort für jede Art der Trauer

Die Jugendtrauerbegleitung wird auf jeden Fall weitergehen – das haben sich die Jugendlichen nach dem ersten Jahr des Bestehens, des Programms gewünscht. Dorothee Bock freut das: „Sie sind zwar manchmal zu spät zur Gruppenstunde, aber sie sind da und das zählt! Außerdem würden wir uns freuen, wenn neue Leute dazukommen, die dann von denen, die länger dabei sind, profitieren können. Dann wird es vielleicht noch klarer, dass es für einen irgendwann auch wieder bessere Tage gibt.“ Die Gruppenstunde ist für alle offen, religiöse Vorstellungen spielen keine Rolle, auch wenn das Programm stattfindet: „Uns ist ganz wichtig, dass hier niemandem etwas aufgezwungen wird. Jeder darf hier so sein, wie er ist“, sagt Frau Franke.

Ihr großes Ziel ist es, dass die Trauernden wieder in ihr neues, verändertes Leben zurückkehren können, auch wenn es einmal länger dauert.

Foto: Lea Papke | Hennef Magazin