Leben

„Wir sind bei der Geburt getrennte Humorzwillinge!“

Ulrich Birkmann und Oliver Wirtz

Eine erfundene Karnevalsgemeinschaft, zwei „Komiker“ und das Ziel, viel Spaß in Hennef zu verbreiten: Wir haben Ulrich Birkmann und Oliver Wirtz getroffen. Seit 2012 machten die beiden die bekannte „Flunkertour“ durch Hennef. Im Interview erfahren wir, wie man in Hennef als Komiker Karriere macht, wie es ist, mitten im Sommer im Karnevalskostüm durch die Stadt zu laufen und wie lustig die beiden auch in ihrem privaten Leben unterwegs sind.

Wie habt ihr beiden euch kennengelernt?

Oli: Kennengelernt haben wir beide uns im Zivildienst Mitte der 80er Jahre. Also im vergangenen Jahrtausend. Bereits dort haben wir – zum Leidwesen unseres damaligen Chefs – gemerkt, dass wir bei der Geburt getrennte „Humor-Zwillinge“ sind. Soll heißen, einer von uns muss nur eine Silbe aussprechen, und schon steigt der andere in den Zug ein. Und dann fahren unsere Hirne regelrecht Achterbahn.

So etwas hat man selten, dass man über all die Jahre komplett auf der gleichen Humorschiene fährt. Interessanterweise sind wir aber sonst eher grundverschiedene Charaktere, aber in puncto Humor können wir uns mehr als blind aufeinander verlassen.

Uli: Zu Olis 25. Geburtstag haben wir unsere erste eigene Show in seinem Wohnzimmer aufgeführt. Sie ging schätzungsweise acht Stunden und war in großen Teilen sehr dadaistisch bis gewagt, um es mal vorsichtig auszudrücken …

Und wann ging es auf die Bühne?

Oli: Die „Jeestinger Junge“ um Ralf Thomas haben uns so ca. Ende der 90er Jahre angesprochen, ob wir nicht bei „Karneval anders als woanders“ im Kurtheater ein wenig schrille Comedy machen wollten. Uli ist dann krankheitsbedingt ausgefallen und ich musste alleine ran. Ganz verkackt habe ich es wohl damals nicht, denn im Folgejahr waren wir dann zu zweit am Start und haben Vollgas gegeben. Die „Jungs“ hatten dann zwischenzeitlich eine Pause eingelegt, und so sind wir im Kurtheater mit einer eigenen Show in die Bresche gesprungen.

Wir haben uns dann auf der Bühne des Kurtheaters stetig weiterentwickelt. Aus Gastbeiträgen wurden eigene Shows. Neben dem alternativen Karneval haben wir auch noch die Weihnachtsrevue im Kurtheater gemacht sowie die Talentshow „Un?entdeckt“.

Uli: Vorher hatten wir aber schon bei den Hennefer Varietäten einen Preis gewonnen. Dort sind wir als Hilmar Blumenstiel und Volkmar Wagner-Wirsing aufgetreten. Zwei extrem überzeichnete Ökos, der eine Berufsbatiker, der andere Student der Tamilistik sowie der vergleichenden Religionswissenschaften im 37. Semester.

Oli: Stimmt! Krass, das waren dann ja eigentlich unsere ersten Rollen und die haben wir ja konsequent bis zum Schluss immer auftreten lassen! Ich fand die beiden persönlich nie so witzig, aber das Publikum hat diese maximal verstrahlten Kiffer geliebt.

Ist es nicht komisch, immer in andere Rollen zu schlüpfen?

Oli: Das ist eine sehr gute Frage! Wenn ich Fotos von uns sehe, dann frage ich mich still und heimlich doch, wie man sich selbst so „verhunzen“ kann. Aber im Grunde ist dies unser Urverständnis: sich selbst nicht so wichtig nehmen, sich selbst auch mal optisch auf den Arm nehmen und ganz wichtig, auch über sich selbst lachen können.

Den Clown zu spielen, ein Rollenverständnis wie „Dick und Doof“ anzunehmen symbolisiert auch dem Zuschauer: Schaut her, wir sind alle nicht perfekt, wir bieten euch die Chance, mit uns zu lachen. Die Leute dürfen mit und über uns lachen – und gerade das verhindert es, „ausgelacht“ zu werden.

Was war eure Lieblingsfigur?

Oli: Der Präsi als besserwisserischer Klugscheißer, als Vereinsdiktator war natürlich immer meine Paraderolle. Aber meine Lieblingsfigur ist eigentlich die Rolle der Frieda Föttsches. Da spiele ich die Mutter des Präsi. Das muss man sich mal vorstellen, wie gaga das eigentlich ist: Ich spiele meine eigene Mutter. Darüber kann ich mich eigentlich jederzeit, immer und auf Knopfdruck amüsieren.

Uli: Hier ist aber auch unser sorgsam-wahllos zusammengestelltes Repertoire an Kleidung, Brillen und Perücken von diversen Flohmärkten Weltklasse. Es war in der Tat schon häufiger so: Wir hatten Klamotten und Accessoires in der Hand, und sofort sprudelten witzige und skurrile Ideen. Ich denke aber, „Präsi“ und „Zeuschwaat“ waren immer unsere Paraderollen, so sprechen die Leute uns ja auch teilweise im Supermarkt an.

Was war eure lustigste Aktion?

Oli: Wenn ich ehrlich bin: Den größten Spaß hatten wir immer bei den Proben, wenn wir gemeinsam Ideen und Texte entwickelt haben. Da haben wir häufig echt Tränen vergossen und Schnappatmung bekommen! Ob man es glaubt oder nicht: So gerne stehe ich persönlich gar nicht auf der Bühne. Das mag zwar nie so wirken, aber auf der Bühne hast du schon Stress und Anspannung.

Entspannung habe ich eigentlich immer dann gespürt, wenn wir eine Nummer versemmelt haben. Also nicht richtig ins Klo gespült, eher wenn Texthänger da waren. Dann haben wir uns gegenseitig so auf die Schippe genommen, dass sich das Publikum auf die Schenkel geklopft hat. Böse Zungen behaupten, dass wir am Stärksten waren, wenn wir in solchen „Not-Situationen“ Vollgas gegeben haben.

Uli: Sehr lustig waren auch immer unsere „ungeplanten“ Auftritte. Bei der Sitzung der „Fidelen Flotte“ hatten wir uns mal als Klofrauen verkleidet und haben dann anarchistisch die Herrschaft über die Porzellanerlebniswelt übernommen. Da konnte so mancher vor Lachen plötzlich nicht mehr pinkeln, andere wiederum kamen alle fünf Minuten.


Vor den „Hüteren der Stadt“ hatten sie wenig Ehrfurcht. So wurde auch der Bürgermeister von Hennef, von den beiden nicht verschont und wurde an jeder Flunkertour beteiligt. Wehren konnte er sich ja sowieso nicht …

Oli: Unser Bürgermeister hat IMMER eine persönliche Widmung von uns bekommen. Hierzu haben wir Parkscheine ausgedruckt, ordnungsgemäß frankiert – und somit musste die Post diese dann auch zustellen. Auf dem Zettel war stets Platz für eine kurze, knackige Botschaft an den Bürgermeister.

Wir haben unseren Flunkergästen immer gesagt: „Das ist gelebte Demokratie! Leute, schimpft nicht immer auf Politik und Verwaltung, jetzt dürft ihr eure Wünsche äußern!“ Und was sollen wir sagen: Jeden einzelnen „Parkschein“ hat Klaus Pipke bekommen und auch tatsächlich gelesen.

Wurden auch Wünsche umgesetzt?

Uli: Gute Frage – zumindest der häufig geäußerte Wunsch nach einem Freibad ist bisher noch nicht realisiert. Wir hätten hier aber einen Vorschlag: die Frankfurter Straße oben in der Warth bis runter zum Klein’s Eck mit Spundwänden abriegeln. Dann schön mit Eiswein oder Kabänes fluten. Stellt euch das mal vor: 600 Meter Rückenschwimmen in Eiswein. Da würde ich sofort das Sportabzeichen in vergoldetem Platin mit Diamantspange machen!


Sie lebten ihre Rollen durch und durch. Bei der Flunkertour liefen Oli und Uli gemeinsam immer in Kostüm durch Hennef. Für beide war das nicht immer so einfach, wie zuletzt…

Oli: Anfangs war das schon etwas „befremdlich“ – so an einem Montag im Juli im hellen Tageslicht wie „Oskar aus der Tonne“ durch die Stadt zu laufen. Die Blicke der Leute – unbeschreiblich! Irgendwann hatten wir dann aber Kultstatus, und die Leute haben aus den Autos gehupt und gewunken. Man hatte schon fast den Eindruck, wir wären die Maskottchen der Stadt.

Uli: Die Polizeiwache Hennef hatte zunächst gedacht, wir würden die gegenüberliegende Sparkasse überfallen, später haben die uns dann immer gewunken. Dank der zahlreichen Presseberichte kannte man uns ja irgendwann …

Was waren eure größten Erfolge?

Oli: Puuh, einzelne Ereignisse herauszugreifen ist schwierig. Ich würde mal sagen: Unser größter Erfolg war, dass wir uns stetig weiterentwickelt haben. Eigentlich haben wir von Show zu Show noch eine Schippe draufgelegt. Wir haben uns nie ausgeruht, sondern immer den Kick verspürt, noch tiefer das Gaspedal durchzudrücken.

Dieses Jahr haben wir mit dem „Chaos“- Filmer Stevée Ornowski als Trio eine Show herausgehauen, die meiner Meinung nach nicht zu toppen ist. Das habe ich bereits während des Konzepts und den Proben gemerkt – und mir wurde schlagartig klar: Du musst danach aufhören und eine Pause einlegen. Ich hatte das Gefühl, dass ich mit den von mir bisher gespielten Rollen abschließen muss. Einfach mal Schnitt, aus und vorbei – und dann auf die Langeweile warten.

Uli: Eigentlich war jede einzelne Show, ob Talentshow, Weihnachtsrevue oder unsere Karnevalsrevuen, toll. Wichtig war uns immer: Das Publikum soll gut unterhalten nach Hause gehen. Das haben wir eigentlich immer erreicht, da gibt es keinen schwarze Flecken in unserer Humor-Seele.

Ihr habt sechs Jahre lang bei der Flunkerführung Menschen erstunkene und erlogene Geschichten über Hennef erzählt. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?

Oli: Ja, die Flunkerführung – das hat uns wirklich umgehauen! Eigentlich war dies ja nur als ‚Einmal-Show‘ geplant.

Uli: Die Idee hatten wir schon länger, einfach mal die Bühne zu verlassen und auf die Straße zu gehen. Bei einem Kaffee mit Ralf Rohrmoser von Glasow und Dirk Busse habe ich dann einfach mal behauptet, dass wir das Konzept schon fertig haben. Und schon wurden wir von Dirks Frau für eine Mitarbeiterveranstaltung des Kurhauses am Park verpflichtet. Somit musste dann relativ zügig ein Programm her.

Auch hier hat uns wieder unsere Seelenverwandtschaft im Humor gerettet: An einem Montagmorgen sind wir inkognito drei bis vier Stunden durch die Stadt gelaufen – und das Programm stand. Wirklich: Wir haben danach in all den Jahren nur Nuancen geändert, ansonsten blieb das Programm so, wie es an diesem Montagmorgen unseren kranken Fantasien entsprungen ist.

Was habt ihr den Leuten bei der Flunkertour erzählt?

Oli: Möglicherweise sind wir Erfinder der Fake-News. Denn alles, was wir zur Stadt erzählen, ist erstunken und erlogen! Eigentlich sind es die kleinen unscheinbaren Ecken und Winkel, an denen man normal komplett vorbei läuft, die so unheimlich viel zu erzählen haben. Die eigentlich maximal unspannend sind – und gerade daher so viel Raum für Phantasie bieten.

So zum Beispiel der Parkplatz hinter dem Rathaus. Eine Betonfläche, so spektakulär wie destilliertes Wasser. Daraus aber die „grüne Lunge Hennefs“, den „Forstbotanischen Garten“ zu machen, ist dann natürlich genauso naheliegend wie absurd. Und so gibt es viele Plätze in Hennef, die so unspektakulär sind, dass man sie einfach erwähnen muss.

Uli: Solche Plätze gibt es natürlich in jeder Stadt. Deswegen ist unsere Führung auch bei Leuten gut angekommen, die eben nicht aus Hennef kamen. Die aber die Stories in ihren Gedanken 1:1 in ihre Heimatstadt transportieren konnten.

Sehr schön war natürlich auch immer wieder die alte Rivalität zwischen unserer Heimat Geistingen, der „Oase der Glückseligkeit“, und dem Zentralort Hennef als „hässliche Favela“ aufzukochen. Also schlimmer noch als Köln versus Düsseldorf.

Was waren Insiderwitze über Hennef?

Oli: Also mir fällt da spontan das Lampengeschäft Richarz ein …

Uli: Was für eine Institution! Drei Schwestern, die über drei Etagen Elektro, Lampen, Porzellan und Geschirr herrschten. Nicht immer unbedingt freundlich im Umgang untereinander, aber mit einem unglaublichen Fachwissen und Gedächtnis. Die kannten jeden Katalog auswendig, bevor dieser überhaupt gedruckt war.

Oli: Ich bin mir sicher – könnte man die Uhr zurückdrehen, die drei toughen Ladies würden Amazon freundlich oder feindlich für 1 Euro, ähhhh, 1 D-Mark übernehmen. Da hätte Jeff Bezos (der Amazon-Gründer, die Redaktion) keine Schnitte!

Wie geht es denn weiter mit eurem Verein?

Oli: Die „Ruut-Wiesse-Föttschesföhler vun 1913eVau“ machen 2019 erstmal Pause. Ich möchte die Rolle des Präsi nicht mehr ausfüllen. Aber gerne möchte ich mit Uli auf unsere tolle Zeit zurückblicken. Für 2020 planen wir ein musikalisches „Best of“. Hierzu kommen aber nicht die alten Gags zum Aufwärmen in die Mikrowelle, denn es gibt noch etliches, was wir nie veröffentlicht haben.

Uli: Wir haben viele Gags und Lieder geopfert oder im „Stand-by“ gelassen, weil sie in die jeweils aktuelle Show plötzlich inhaltlich oder dramaturgisch nicht mehr gepasst haben. Hier möchten wir gerne mal in unserem Poesiealbum des schlechten Geschmacks blättern und gemeinsam mit unseren treuen Fans und einer Begleitband einen tollen Abend verbringen.

Oli: Ich setze auch voll auf die Karte, dass uns in unserer Auszeit komplett neue Ideen kommen werden. Ideen und Konzepte, auf die wir in unseren angestammten und etablierten Rollen als Präsi und Zeuschwaat niemals gekommen wären. Und ich finde es auch toll, wenn wir – getrennt oder gemeinsam – in neuen Konstellationen weiter Humor und Unterhaltung in und für Hennef machen.

Das ist ja auch das große Plus in unserer Freundschaft: Wir können uns blind aufeinander verlassen und wissen genau, wie der andere tickt. Zudem sind Eifersucht und Neid für uns ein Fremdwort. Uli hat beispielsweise mit dem Fotografen Roman Tripler eine tolle Reise nach Island gemacht, die beide in Wort, Film und Ton im Kurtheater präsentiert haben. Wäre ich dabei gewesen, hätte es wieder geheißen: „Präsi und Zeuschwaat waren in Island“.

So war es aber der Uli, und zwar der Uli und nicht der Zeuschwaat. Insofern ist es vielleicht auch wirklich befreiend, Kostüm und Rolle abzulegen.

Persönlich werde ich einen Gang zurückschalten, und neue Konzepte vor kleinem Publikum ausprobieren. Das teste ich bei mir im Weinladen, da passen knapp 30 Leute rein, mehr nicht. Das hat Wohnzimmercharakter und dort würde ich gerne eine vollkommen improvisierte Lese- und Talkshow mit nicht prominenten Gästen ausprobieren. Ein wenig Kurt Krömer, ein wenig Torsten Sträter und eine Prise „Inas Nacht“, so stelle ich mir das vor.

Uli: Für 2019 ist mein beruflicher Terminkalender bereits prall gefüllt – da ist nahezu kein Platz für Comedy und Co. Allerdings machen Oli und ich weiterhin unsere geliebten Plattenpartys, wo wir vollkommen retro nur Schallplatten auflegen. Und letztendlich müssen wir für eine Best-of-Show in 2020 spätestens im Herbst 2019 in die Planungs- und Probenphase einsteigen. Also den großen Stillstand im Verein, den wird es wahrscheinlich gar nicht geben.

Ich danke den beiden für das sehr lustige Interview. Selbst mir, die als Redakteurin zu größtmöglicher Contenance verpflichtet ist, konnte ein völlig ernstes Interview nicht gelingen und ich habe oft herzlich gelacht.

Fotos: privat | Ulrich Birkmann und Oliver Wirtz