Leben

Krieg der Generationen

Jugendliche sind egoistisch und ihnen fehlt soziales Engagement. Darüber hinaus sind sie nur noch am Trinken und machen alles kaputt, was ihnen ins Blickfeld kommt. 
Alte Menschen benehmen sich wie Könige und Königinnen. Hinzu kommt, dass sie sich beschweren über alles und jeden.

Vorurteile über Vorurteile, welche auch in der Stadt Hennef kursieren. Wie soll man so etwas nennen? Jung vs. Alt? Generation old fashioned gegen Generation modern? 
Selbst in Zeitungen liest man immer wieder neue Schlagzeilen über Vandalismus oder Schlägereien, verursacht durch die jungen Hände der Jugendlichen in Hennef. 
Um Licht ins Dunkel zu bringen, holt man sich am besten verschiedene Meinungen von beiden Seiten ein, um Vorurteile aufzuklären, Missverständnisse aufzudecken und Frieden zu veranlassen.



„Ich hänge manchmal mit meinen Freunden an der Siegpromenade rum, in der Nähe vom Fitnessstudio, direkt am Fluss“, erzählt die 17-jährige M. Besonders im Sommer suchen viele junge Jungen und Mädchen die Steintreppen auf, um sich ans Wasser zu setzen, Musik zu hören, zu quatschen und zu rauchen. Allerdings kam es nicht nur einmal vor, dass sich Anwohner über die laute Musik oder die „anstrengenden Kinder“ beschwert haben. 


„Und nein, sie kommen nicht persönlich, um uns auf unser Verhalten hinzuweisen. Sie schicken das Ordnungsamt, um uns, und das sage ich jetzt aus meinem reinen Gefühl heraus, einen reinzudrücken“, fährt das Mädchen fort. Die Anwohner der Siegpromenade sehen sich meist gezwungen, amtliche Unterstützung einzuschalten. Häufig, so lauten die Vorwürfe, wird ein unmögliches Benehmen an den Tag gelegt, Mülleimer und Bänke werden zertreten, „eine riesen Sauerei“. 



„Aber was sollen wir tun? Unser einziger Treffpunkt wurde uns genommen“, argumentieren die Jugendlichen. Vor ungefähr einem Jahr gab es eine Hütte, die ursprünglich als Umkleide für den anliegenden Bolzplatz gedacht war. Um die 30 Leute waren damals in einer WhatsApp-Gruppe, die sich die „Hüttenpenner“ nannte. „Es war der Zufluchtsort für viele von uns – alles begann für mich da oben. Meine erste Flasche Bier, später meine erste Flasche Vodka, meine erste Zigarette und ja, auch mein erster Joint“, gibt die 17-Jährige zu.


Eine Art Spielplatz, auf dem sie die Anwohner jedes Wochenende mit ihren Experimenten herausforderten. Die Erwachsenen sahen die jungen Leute oftmals betrunken, was sehr wohl eine Zumutung war, wie M. bekennt.


Allerdings sahen die Erwachsenen dies gar nicht als das Problem. Zu dem Alkohol und den Drogen kam hinzu, dass die Jugendlichen dort oben fast täglich Feuer machten. Zwar gab es eine Feuerstelle, doch sie nahmen Holz vom Nachbarn, was ihnen nicht gehörte. „Und als das aufflog, warfen wir alles ins Feuer was eben ging“, erzählte der 18-jährige R. bedauernd, welcher auch Teil der „Hüttenpenner“ war.



„Es ist ein schönes Bild, einen Sessel direkt vor sich in einer riesigen Flamme aufgehen zu sehen, doch die Bäume bedanken sich nicht.“
Es endete schließlich damit, dass alle Jugendlichen zusammengetrommelt wurden, um von der Stadt Hennef vor eine Wahl gestellt zu werden. Entweder kein Vorfall mehr oder die Hütte wird abgerissen. Die Streithähne, Jugendliche und Erwachsene, trafen sich Auge um Auge und besprachen den weiteren Verlauf. Das Ergebnis? „Unsere Hütte wurde abgerissen.“ 
Dieser Punkt ging an die ältere Generation. Allerdings geben die Jugendlichen offen zu, dass es ihre eigene Schuld sei. 



Das Ereignis führte leider nur dazu, dass sich die jungen Menschen nun an Bushaltestellen oder Parkbänken aufhielten und dort Unruhe verbreiten. Eine Zwickmühle, die von beiden Seiten nicht ganz fair behandelt wird. „Alte Menschen und junge Menschen passen selten zusammen, meiner Meinung nach“, vermutet M. Viele Ältere haben einen bestimmten Stereotyp von Jugendlichen im Kopf. Alles Rabauken, Rebellen, Krachmacher und alle zurückgeblieben.

„Ich bin ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie Omas und Opas ihre Kindheit ohne Handy und ohne Internet oder Fernseher verbracht haben“, bemerkt R. Also, vielleicht wirken Jugendliche wirklich etwas beschäftigungsbedürftig. Sie sind lieber an ihren Handys anstatt draußen im Freien, wobei sie aber nichts anstellen. Jedoch waren auch ältere Menschen mal jung, sollte man meinen. Auch sie haben sich durch ihre Phasen gekämpft, in denen sie über die Stränge schlagen mussten, um letztendlich der Mensch zu sein, der sie heute sind.



Doch wie verhalten sich Jugendliche denn nun, wenn sie auf jemand Älteres treffen? 
Die 17-jährige S. hat sich in einer Freistunde mit ihrer Freundin in einer bekannten Bäckerei verabredet. Sie macht auf die enge Unterführung am Hennefer Bahnhof aufmerksam. Wenn man da nicht genau auf seine Schritte, Umgebung und seinen Weg achtet, kommt es häufig zu Konflikten. Unlängst mit einer älteren Dame, der S. prompt vor den elektrischen Rollator lief. „Ich hatte nur für eine Sekunde meine Sicht von der Straße gelenkt, als ich in die Fahrtlinie der Oma trat.“ 


Darauf folgte ein leises, aber sichtbar empörtes „Entschuldigung“ von der kleinen Frau. S. sprang überrascht zur Seite und entschuldigte sich für ihre Unachtsamkeit, worauf die Rentnerin etwas von „Keine Augen im Kopf“ und „eine Unverschämtheit ist das“ murmelte.


„Da ging es mit mir durch“, sagte das Mädchen. Sie rief ihr ungehalten hinterher „Man kann sie auch übersehen!“
 Sie fühlt sich ungerecht behandelt und kann die Vorurteile gegen Jugendliche nicht nachvollziehen.

Elisabeth Hofer, eine pensionierte Lehrerin, weiß hingegen auch Positives über Jugendliche zu berichten. Sie kann sich an fast ausschließlich schöne Zeiten in der Laufbahn ihres Lehramtes erinnern. Sie selbst hat vier Kinder, bei denen sie live Pubertät und Heranwachsen eines Jugendlichen mitverfolgen konnte. „Ich finde nicht, dass sich die Jugend von heute großartig von meiner Jugend unterscheidet“, erklärt die Dame. „Ein Kind, wie auch ein Jugendlicher, muss ausprobieren dürfen“, fährt sie fort. In ihrer Rückmeldung über Jugendliche befinden sich nicht die Worte respektlos oder unhöflich – vielmehr Begrifflichkeiten wie nett, ehrgeizig und intelligent. Es sei nicht möglich eine gesamte Generation in eine Schublade zu stecken, meint die Pädagogin. „Mir war es am Wichtigsten, dass die Kinder aus ihren Fehlern lernen“, erinnert sich Frau Hofer im Hinblick auf das Fehlverhalten der Jugend. Und genau dies sollte zum Nachdenken anregen.

Alle Meinungen, Kommentare und Diskussionen führen immer auf ein Wort zurück: Missverständnis. Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen ist prägend für den Charakter und die persönliche Entwicklung. Jugendliche sind sehr wohl bildungsstrebend und entwickeln mit der Zeit auch soziales Engagement. Das Vorurteil, Jugendliche hätten nur Rauchen und Trinken im Kopf, lässt sich statistisch widerlegen. 20 Prozent der 12 bis 17-Jährigen rauchten regelmäßig Zigaretten im Jahr 1980 – heute ist die Zahl der Konsumenten auf 10 Prozent gesunken. 70 Prozent der 16 bis 21-Jährigen in Deutschland konsumieren Alkohol nur gelegentlich oder nie. Wer häufig, also mindestens wöchentlich, Alkohol trinkt, ist in der Minderheit.


Was viele nicht wissen, ist, dass Jugendliche auch einfach so tun, als wären sie erwachsen – dadurch wächst das Selbstbewusstsein und sie fühlen sich in der Gesellschaft aufgenommen. Sie sind zwar keine Kinder mehr, aber auch noch nicht in der Erwachsenenwelt angekommen. Während der Pubertät erleben viele Jugendliche Zeiten der Unsicherheit. Wichtig ist vor allem das „Verständnis“ für die Unsicherheiten der Mädchen oder Jungen, obwohl die Nerven der älteren Menschen strapaziert werden. So können Missverständnisse aufgedeckt werden. Einige Erwachsene vergessen, wie sie damals Ähnliches durchlebt haben. Niemand kann behaupten, dass sich die abenteuerlustige, aber auch wechsellaunige Phase der Pubertät verändert habe. Die Bedingungen haben sich verändert, aber das Gehirn bleibt das gleiche. Dieses entwickelt sich gerade in der Pubertät intensiv weiter und es bilden sich neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen.



Frau Hofer überzeugt mit ihrer positiven Einstellung, dass Jugendliche erwachsen werden und beim Erwachsenwerden unterstützt werden sollten. Damit geht auch die heutige Generation ihren Weg und zerbricht sich eventuell später über die nachfolgende Generation wieder den Kopf. Doch dann nehmen sie bereits das Verständnis für das Phänomen „Jugendliche“ mit auf den Weg und erinnern sich an sich selbst.

Eine Reportage von Leonie Ahrens im Rahmen des Projektkurses EINBLICKE am Städtischen Gymnasium Hennef. Alle Namen sind frei erfunden.

Foto: anatoliycherkas | Fotolia.com