Leben

„Her mit der Kasse!“

© Ilkin Guliyev | Colourbox

Hennef – Es ist Montagabend, der 8. Oktober 2018, 22 Uhr. Moritz und seine Kollegen vom REWE-Markt in der Bonner Straße freuen sich auf ihren Feierabend. Wie jeden Abend gehen sie vom Getränkemarkt zum Haupthaus, um die Kasse abzuliefern. Doch dann, mitten auf dem Parkplatz, passiert das Undenkbare: „Los, Tasche fallen lassen!“, brüllt ein maskierter Mann. Er stürmt aus der Dunkelheit auf sie zu. „In dem Moment habe ich in seiner linken Hand eine Pistole gesehen“, erinnert sich Moritz.

Ein mutiger Lieferant versucht, den Täter aufzuhalten. Er läuft ihm hinterher und schafft es sogar, ihn auf den Boden zu reißen. Doch seine Mühen waren umsonst: Der Täter steht wieder auf. Er droht dem Schichtleiter, der eine Tasche mit der Kasse in der Hand hält, packt sich diese und verschwindet. „Es ging alles ziemlich schnell“, schildert Moritz. „Ich stand einfach da und war still, bis er weg war.“

Der Schock hängt dem Schüler Moritz auch noch einige Tage später in den Knochen. Die entspannte Schicht seines Nebenjobs entwickelte sich an diesem Abend zu einem traumatischen Ereignis. Er hat niemals damit gerechnet, je mit einer Waffe bedroht zu werden. Flyer im Pausenraum weisen auf das Verhalten im Falle eines Überfalls hin. Doch trotzdem war der Gedanke an einen tatsächlichen Überfall so weit entfernt – und plötzlich doch viel zu nah.

Einige Tage früher, am 29. September, erfährt Marvin aus Hennef die gleiche Bedrohung am eigenen Leib. Auch er arbeitet in einem Supermarkt in Hennef – meist bis in die dunklen Abendstunden. Auch hier: Überfall mit einer Pistole. Er hat Glück und kann das Geschehen aus etwas sicherer Entfernung beobachten. Doch ein Kunde gerät ins Visier des Täters: „Öffne die Kasse!“, brüllt dieser ihn an und richtet seine Waffe auf den ahnungslosen Kunden. Nachdem der Kunde dem Täter erklärt hat, dass er dies nicht könne, legt der Räuber selbst Hand an: Er lässt vom Kunden ab, reißt die Kasse aus der Halterung und hetzt aus dem Laden.

Auch ihm steht der Schock ins Gesicht geschrieben. Anders als Moritz wird Marvin erst in diesem Moment bewusst, welche Gefahren ein kleiner Nebenjob doch mit sich führt. Er hat zuvor kein einziges Mal an die Möglichkeit eines Überfalls gedacht. „Es war wie in einem Film. Man brauchte einige Minuten, um das zu realisieren“, erinnert sich Marvin zurück.

Zwischen den Überfällen liegen nur wenige Tage. Ist der Supermarkt wirklich ein so unsicherer Ort? Und ist es für den Täter so leicht, einen Supermarkt auszurauben, ohne gefasst zu werden? Die Täter wurden trotz Videoaufnahmen bis heute nicht gefunden. Denn ein großes Problem sind schlecht platzierte Kameras: Der Überfall auf Moritz und seine Kollegen wurde zwar aufgenommen, jedoch ist die Gestalt des Täters bloß zu erahnen.

Auch Marvin beschleicht noch einige Zeit nach dem Überfall ein beklemmendes Gefühl. „Abends, vor allem samstags, würde man sich am liebsten hinter der Kasse verstecken.“ Er ist mit seinem Unbehagen nicht allein: „Das sagen auch viele meiner Mitarbeiter.“ 


Neben den Sicherheitsmaßnahmen, die verstärkt werden müssen, sollten auch die Geschäftsinhaber den Angestellten das Geschehen vor Augen führen. In Marvins Fall wurde er zu keinem Zeitpunkt auf einen möglichen Überfall aufmerksam gemacht. Dabei ist es entscheidend, wie man sich in einer solchen Situation zu verhalten hat. Durch die Stresssituation, in der sich der Täter befindet, kann der kleinste Fehler fatale Folgen mit sich bringen. Im Jahre 2017 wurden, laut statista.com, 353.384 Raubüberfälle auf Geschäfte und Supermärkte verübt. Mehr als 30 Prozent davon mithilfe einer Waffe. Bessere Videoüberwachung, Alarmanlagen in Form eines Knopfes beim Kassierer, Tresore und Türschließvorrichtungen sind nur einige der Maßnahmen, die ein Geschäft ergreifen kann.

Auch ein Vorschlag von Moritz würde die Diebstahlrate verringern: „Einfach die Kasse drei bis vier Mal pro Tag entleeren, sodass da wenig Geld drin ist und dann ein Schild an die Eingänge hängen: ,Wir leeren unsere Kasse vier Mal am Tag. Überfälle lohnen sich nicht!‘.“

In der ersten Spätschicht nach dem Überfall ist Moritz sehr mulmig zumute. Doch auch er erholt sich nach einigen Tagen von dem Schock. Mittlerweile hat er sich wieder in seinen Arbeitsalltag eingefunden.

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