Leben

„Das sind doch alles Junkies!“

„Also eigentlich bin ich ein ganz normales Mädchen mit einem besonderen Hobby“, meint Rebecca lächelnd. Sie sitzt mit ihren Freunden in Hennef mit einer Picknickdecke auf einer Wiese. In ihrer Mitte herrscht reges Chaos. Zwischen Essen, Trinken und Karten liegen Zigaretten und ein kleines schwarzes Plastiktütchen.


Wie andere Mädchen geht sie gerne shoppen, tanzen und schwimmen. Auch die Schule läuft gut. Sie ist auf einem Gymnasium und steuert auf ihr Abitur zu. „Aber am liebsten bin ich, wie auch heute, mit meinen Freunden unterwegs“. 
Luisa fragt Rebecca nach dem „Ott“, was ein Synonym für Cannabis ist. Rebecca wirft ihr das schwarze Tütchen zu. Luisa kramt in der Tasche neben sich und holt ihr Equipment heraus. 


„Das ist ein Grinder, um das Marihuana klein zu machen. Hier Tips, die als Filterersatz dienen, und Longpapes. Longpapes sind, wie schon der Name sagt, länger und dünner als normale Zigarettenblättchen, damit es langsamer abbrennt“, zählt Luisa auf.
 Die Freunde kiffen, um abzuschalten. Sie haben dabei immer viel Spaß, weil sie dabei starke Lachanfälle bekommen. „Man fühlt sich einfach glücklich und entspannt.“
„Und man bekommt einen heftigen Fressflash!“, fügt Christoph hinzu. Das erklärt das viele Essen und Trinken in der Mitte.


Wenn es um Drogenerfahrungen geht, antwortet die 17-jährige Rebecca ausweichend: „Wir möchten da nicht so gerne drüber sprechen.“ Schon oft wurden sie von Leuten in ihrer Umgebung in eine Schublade gesteckt: „Uns direkt als Junkies abzustempeln, weil wir etwas experimentierfreudiger sind als andere, ist falsch. Ich persönlich informiere mich sehr gut über eine Droge, die ich nehmen will. Ich berücksichtige Vorkehrungen, Dosis, Ort und andere Dinge und schmeiß mir nicht einfach ne Pille rein, wenn ich gerade in Partylaune bin.“ 


Im Internet gibt es Websites, auf denen man sich über die Pille, die man hat, informieren kann. So geht man der Gefahr der ungewollten Überdosis aus dem Weg.


Aber ist Gras nun eine Einstiegsdroge? Dieser Mythos ist weit verbreitet. 
„Viele denken nicht an Zigaretten und Alkohol. Das sind die Drogen, mit denen man anfängt. So gut wie jeder hat sich doch auch mal an Karneval mit 14 bis 15 das erste Mal besoffen.“ Alkohol und Zigaretten werden nicht als Drogen angesehen – weil sie frei verkäuflich sind. Dabei ist Alkohol auch sehr schädlich. „Allerdings ist die Theorie der Einstiegsdroge widerlegt worden“, fügt Rebecca noch hinzu.


„Woher hast du das Zeug?“, unterbricht Christoph und riecht intensiv an dem schwarzen Tütchen. 
Rebecca antwortet, dass sie es bei dem geholt hat, wo sie immer hingeht. „Man muss sich mit der Zeit im Prinzip den besten Ticker suchen. Um Gras zu bekommen muss man einfach durch Hennef laufen und nach einer bestimmten Art von Leuten Ausschau halten. Eigentlich kann man jeden fragen, der in ein bestimmtes Schema passt.“ Allerdings ist die Gefahr von „gestrecktem Zeug“ sehr hoch. Dabei werden Mittel wie Haarspray oder andere Kräuter zum Beispiel zu dem Cannabis dazugegeben, um es schwerer zu machen.

Eine Freundin der Jugendlichen bekam eine Krankheit, die sich Morbus Crohn nennt. Der Arzt meinte zu ihr, dass diese Krankheit durch das Konsumieren von gestrecktem Cannabis kommt. Bei solchen Fällen ist es erschreckend, dass schon jung angefangen wird, Cannabis zu konsumieren. In ihrem Leichtsinn greifen sie zum Joint, ohne mögliche Folgen zu kennen. Auch das Ordnungsamt schockt mit Zahlen: Martin sagt, dass der Konsum von Cannabis öfter ein Problem in Hennef sei und dass es schon im frühen Alter anfängt: „Oft sind es eher Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren“.


Die Freunde sind sich einig, dass sie im Thema Drogenprävention im falschen Alter aufgeklärt wurden: „Wir hatten eine Drogenprävention in der 8. Klasse. Da habe ich natürlich auch noch nicht darüber nachgedacht, Drogen zu nehmen. Allerdings kann ich mich jetzt nicht mehr genau daran erinnern, was in dieser Prävention überhaupt vermittelt und gelehrt wurde.“

Um ein beliebtes Beispiel aufzugreifen: Der Vergleich zwischen Cannabis und Alkohol ist ein brisantes Thema. Während durch Alkohol jährlich etwa 74.000 Menschen alleine in Deutschland sterben, gibt es nicht einen Toten durch Cannabis. Eine Überdosis ist unmöglich zu erreichen, während man beim Alkohol meist nicht die Grenze kennt – die Folge ist eine Alkoholvergiftung. Auch die Emotionen sind bei den beiden Drogen sehr unterschiedlich: Man kennt den betrunkenen Schläger. Wenn man Alkohol intus hat, dann wird man leicht reizbar und aggressiv. Wenn man Cannabis raucht, neigt man dazu, nicht viel zu tun. 


Allerdings hat natürlich auch Marihuana negative Nebenwirkungen: Eine langfristige Folge kann die Entstehung einer Psychose sein. Kognitive Fähigkeiten, wie Aufmerksamkeit, Konzentration und Lernfähigkeit, leiden unter dem Konsum. Auch die Lungenfunktion kann beeinträchtigt werden, unter anderem dadurch, dass in Joints zu dem Cannabis noch Tabak beigemischt ist.
Es gibt, laut Ordnungsamt, einige Plätze, die in Hennef häufig zum Konsum von Drogen aufgesucht werden. „Der häufigste Ort für Jugendliche in Hennef ist das Parkhaus am Place la Peque, in dem bereits viele Drogen konsumiert worden. Aber auch die bekannte Siegpromenade oder der Allner See ist ein häufiges Thema“.

„Ich wünsche mir, dass auch Erwachsene sich mit diesem Thema mehr auseinandersetzen, um Jugendliche wie uns vielleicht besser verstehen zu können und uns nicht direkt als hoffnungslosen Fall abzustempeln. Denn auch wir führen ein ganz normales Leben und haben Ziele, die wir erreichen wollen“, sind Tinas Schlussworte.

Eine Reportage von Maren Eibl im Rahmen des Projektkurses EINBLICKE am Städtischen Gymnasium Hennef. Alle Namen sind frei erfunden.

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