Wirtschaft

Creapaper: Unternehmer aus Hennef

Innovativer Umweltschutz mitten aus Hennef: Das Unternehmen Creapaper hat eine Alternative zu Papier aus Holz entwickelt – Papier aus Gras. Creapapers Rohstoff GRASPAP® wird bereits im großen Stil in der Herstellung von Verpackungen verwendet. Wir haben mit Gründer und Geschäftsführer Uwe D’Agnone über gute Ideen, schwierige Hürden und echte Nachhaltigkeit in der Papierherstellung gesprochen.

2017 sind in Deutschland 22,9 Mio Tonnen Papier, Karton und Pappe hergestellt worden – ein Großteil davon aus Zellstoff aus Holz. Was ist das Problem daran?

Um Zellstoff herzustellen, holt man die Fasern aus dem Holz. Für eine Tonne Zellstoff braucht man ungefähr 2,5 Tonnen Holz. Dabei gibt es einen Störstoff, den die Pflanze benötigt, um hoch zu wachsen, einen Kleber, das sogenannte Lignin. Das muss rausgeholt werden, um die Faser zu separieren. Das ist nur machbar mit einem relativ aufwendigen Verfahren, einer chemischen Aufbereitung. Diese benötigt etwa 6.000 Liter Wasser pro Tonne, braucht jede Menge Energie und natürlich auch Chemie.

Und da haben Sie sich gedacht: Das muss doch besser gehen?

Ich komme aus der Papierindustrie, aus der Tiefdruckerei. Ich habe mich relativ früh – mit 28 – selbstständig gemacht und angefangen, eigene Produkte zu entwickeln. Dabei ist Creaseed herausgekommen: Das sind Papierprodukte, in die Saatgut mit eingearbeitet ist.

Vor sieben Jahren habe ich dann einen Bericht über den Zellstoffbedarf in Asien gesehen. Jedes Jahr werden dafür Flächen, die die Größe der Schweiz haben, gerodet und um danach dort Palmöl anzubauen.

Das hat mich richtig erschreckt. Unwiederbringlich ist dieser Urwald weg. Das war die Initialzündung, wo ich angefangen habe, mich mit der Frage zu beschäftigen: Wie kriege ich Papier noch nachhaltiger hin?


Eine Einkaufstüte aus Graspapier.
Wie sind Sie dann ausgerechnet auf Gras gekommen?

Grundsätzlich kann man aus allen Pflanzen Papier machen, die Fasern haben. Aber es gibt keine Pflanze neben Gras, die auf die chemische Aufbereitung verzichten kann. Es geht um das Lignin in der Pflanze. Alles, was hoch wächst, hat viel Lignin, also habe ich mir die flach wachsenden Pflanzen angesehen. So banal war das Ganze. Dann habe ich festgestellt, dass Gras so gut wie gar kein Lignin enthält und dass das schon fast eine Faser ist.

Ich habe dann den ersten Bogen per Hand gemacht, um mal zu gucken, wie es geht. Das Ergebnis sah aus wie eine Rauhfasertapete, aber die Festigkeit war vorhanden und es war schnell klar, man könnte auch Papier daraus machen. Bis dahin war es einfach. (lacht)

Und dann kamen die Hürden?

Danach fing es an, schwierig zu werden, denn das Thema war: Wie komme ich denn mal auf die Maschine? Die Anlagen in den Papierfabriken sind hochspezialisiert und kosten eine halbe Milliarde Euro. Da können Sie nicht einfach hingehen und sagen: „Ich brauche mal einen Test auf der Anlage. Wir schmeißen da jetzt mal Gras rein“. Man kann sich vorstellen, den Produktionsleitern ist nicht ganz wohl, bevor sie den Test fahren.

Diese erste Hürde zu überwinden, war extrem schwierig. Wir mussten auch ganz viele Hausaufgaben machen: Wir mussten nachweisen, wie ökologisch das wirklich ist, eine Ökobilanz erstellen lassen, dass keine Allergene mehr enthalten sind. Wir haben dermatologische Tests gemacht, die Recyclierbarkeit geprüft usw. Das mussten wir alles vor dem ersten Papierverkauf nachgewiesen haben. Bei den Lebensmittelkontaktprodukten ist das noch viel aufwendiger. Das hat ungefähr anderthalb Jahre gedauert, bis alle Themen abgearbeitet waren und bevor wir das erste Mal produzieren konnten.

Ihre Papiere heute sehen nicht mehr aus wie Rauhfasertapete. Wie wird Gras zu richtig gutem Papier?

Wir bekommen Heu aus Ausgleichsflächen der Landwirtschaft in Rund- oder Quaderballen. Das wird bei uns – vor den Toren der Papierfabrik – per Luft in einem zehn Meter hohen Turm gereinigt. Danach wird es gesäubert von Metallen, Sand und Steinchen.

Dann gibt es zwei Stellschrauben, an denen wir drehen müssen, um daraus unterschiedliche Papiersorten zu produzieren: Das Erste ist die Faserlänge, die müssen wir schneiden. Das Zweite ist, auch wenn wir sie geschnitten haben, ist das immer noch ein Halm, der nur 0,7 Millimeter lang ist. Diesen muss ich quasi zerfasern; eigentlich ist es ein Mahlvorgang. Die Papiermacher sprechen vom „Refining Process“. Das alles machen wir in einem trockenen Zustand.

So können Sie es aber immer noch nicht einsetzen. Sie müssen sich vorstellen, Papier wird mit 98 Prozent Wasser gemacht. Dazu kommen nur etwa 2 Prozent Feststoffmaterial, also Altpapier oder Zellstoff. In diesem Zustand wäre das Material zu leicht, würde oben schwimmen und man könnte niemals eine richtige Rezeptur damit machen. Dementsprechend mussten wir uns überlegen, wie man Gras schwerer macht. Dabei kamen die Pellets heraus.

Die Pellets gehen dann an die Papierfabrik. Jede Papierfabrik auf der Welt kann, ohne einen einzigen Euro zu investieren in irgendeine Apparatur, das Material mit einsetzen und daraus Papier machen. Die sagen mir nur vorher, was für eine Papiersorte gefertigt wird, dann habe ich ein Bild vor Augen, welche Faserlängen, welcher Mahlgrad, welche Entwässerung wird benötigt – und dann geht das.


So entsteht der Rohstoff: Das getrocknete Gras – also Heu – wird trocken gereinigt, gemahlen und zu Pellets gepresst.
Welches Papier kann man aus Gras machen?

Graspapier kann man in unterschiedlichen Varianten herstellen. Eigentlich kann man alle produzieren, die man so kennt. Man kann das Gras mit Frischfasern aus Holz oder auch mit Altpapier kombinieren. Frischfaser wird gerne genutzt für den Lebensmittelkontakt, denn da sind keine Mineralöle oder Giftstoffe mit drin.

Papier komplett aus Gras – das geht nicht?

Doch, das geht auch, doch es dauert immer eine Weile, bis Papierfabriken diese Steps auch mitmachen. Wir haben angefangen mit 10 Prozent Graspap-Anteil bei der ersten Produktion, jetzt sind wir schon sehr froh, dass wir 50 plus 1 erreicht haben.

Was sind typische Anwendungen für Graspapier?

Das Banalste, was man machen kann, sind Eierkartons. Das nennt sich „modelled fibre“, also modellierte Faser. Eine Schachtel mit einem Grasanteil von 50 Prozent wird von einem Unternehmen in Holland produziert und England im Handel genutzt.

Die zweite Variante, die auch am meisten verbraucht wird, sind Wellpappen-Rohpapiere. Über das gesamte Produkt werden rund 40 Prozent Grasfasern genutzt. Sie können das richtig massiv herstellen, das ist überhaupt kein Problem.

Diese Papiertüte haben wir letzten Monat für ein großes Handelsunternehmen in Österreich produziert. [D’Agnone füllt eine Papiertüte mit sechs Flaschen Wasser und hebt sie hoch – sie bleibt stabil.] Die Faser von Gras ist in diesem Zustand genauso fest und stark wie eine Faser aus einem Baum. Und eigentlich sind das 40 Prozent Heu …

Oder Geschenkpapier: Das Material ist zusätzlich fettabweisend, kann zum Beispiel für die Innenseite der Wellpappe genutzt werden für fettige Produktarten. Aus unserem Rohstoff werden außerdem Schalen für Äpfel oder Birnen gemacht.

Wenn es so einfach ist, Holz zu ersetzen, warum macht das nicht jeder?

Die Papierwelt ist eine gewachsene Welt, eine globale Welt. Es ist ein relativ großer Markt, von dem etwa die Hälfte von zehn großen Unternehmen dominiert wird. Diese Unternehmen sind global tätig. Sie machen nicht nur Papier, sondern produzieren auch vorher schon den Zellstoff selber, die haben auch die Wälder, die machen danach auch noch die Verpackungen usw. Das ist nicht ganz so einfach, in diesen Bereich mit reinzukommen.

Der Markt ist riesig – da braucht man eine Menge Bäume.

Der deutsche Papierverband spricht davon, dass man über vier Millionen Bäume dafür braucht. Dabei sind wir in Deutschland schon richtig nachhaltig unterwegs. Wir nutzen ungefähr 75 Prozent Altpapier. Das ist ein tolle Quote und trotzdem brauchen wir viele frische Fasern und so viele Bäume.

Man muss davon ausgehen, dass 440 Millionen Bäume im Jahr auf der Welt gefällt werden, um Papiere herzustellen. Das ist extrem viel und diese Branche nimmt ja noch weiter zu.

Trotz Digitalisierung steigt in manchen Bereichen der Papierverbrauch. Wieso?

Der Bereich grafisches Papier geht zurück, der Bereich Verpackungen geht so weit hoch, dass der Markt insgesamt immer noch weiter ansteigt. Wir haben eine Zuwachsrate auf dem Markt von fünf Prozent Papier.

Das liegt unter anderem am Verbraucherverhalten. Weil mehr über das Internet bestellt wird, muss mehr verpackt werden. Hinzu kommt, dass sich Haushalte verändern – es gibt immer mehr Single-Haushalte. Das heißt, die Verpackungseinheiten bei den Retailern werden immer kleiner.

In anderen Bereichen kann Papier aber auch umweltschädlichere Stoffe ersetzen.

Man darf das nicht ganz verteufeln. Man muss gucken, was man daraus alles macht. Was ist Nachhaltigkeit und wo fängt Nachhaltigkeit an? Ist Kunststoff nachhaltiger als Papier? Welchen Weg geht man?

Momentan versucht man, Papierprodukte zu bevorzugen. Die Thematik der vermüllenden Meere ist sehr präsent und es gibt zum 1. Januar (2019) eine neue Verpackungsverordnung, nach der Einmalprodukte wie Trinkhalme oder Ohrenstäbchen nicht mehr aus Plastik hergestellt werden sollten.

Wir sind an diesem Thema auch dran und überlegen, wie man diesen Kunststoffbereich mit Papier substituieren kann.


Einige Produkte, die aus Graspapier entstanden sind.
Werden Trinkhalme dann wieder zu Strohhalmen?

Seit zwei Wochen haben wir die ersten „Grashalme“. Die sind unbedruckt, natürlich gehalten und gar nicht gefärbt. Wichtig dabei ist, das Papier hydrophob zu gestalten, also dass so wenig Feuchtigkeit wie möglich da rein geht. Das ist gelungen. Hergestellt hat das eine Papierfabrik aus Süddeutschland und wir sprechen zurzeit mit zwei großen Handelsketten.

Die neue Verpackungsverordnung wird Ihren Markt vermutlich vergrößern?

Wir bieten schon eine Menge Produkte aus Graspapier, zum Beispiel unterschiedliche Arten von Bechern. Das bedeutet nicht, dass ich Becher toll finde, ganz im Gegenteil. Ich war letztens in London, dort finden Sie kaum noch einen Laden, wo sie aus einer Tasse trinken können. Sie gehen in eine Café und bekommen sogar dort einen Papierbecher. So ein Wahnsinn! Wenn Sie mich fragen, trinken Sie doch Ihren Kaffee lieber aus einer Tasse – schmeckt auch viel besser.

Das Geschäft ist ja mal die eine Seite, die andere ist die Vernunft: Wo wollen wir eigentlich hin? Klar, der Becher aus Grasfaser ist viel nachhaltiger als der Becher aus Holz, aber wenn Sie mich fragen, ich versuche die Leute davon abzubringen.

Im Moment ist Bambus eine beliebte Alternative zu Zellstoff aus Holz. Offenbar geht es bei der Suche nach einem nachhaltig hergestellten Papier aber nicht nur einfach darum, Holz zu vermeiden. Definieren Sie mit Graspapier „Nachhaltigkeit“ ganz neu?

Für Bambus- und bambusähnliche Produkte brauchen Sie eine chemische Aufbereitung, um die Fasern herauszuholen. Dazu kommt: Der Eukalyptus kommt nicht aus Deutschland, sondern überwiegend aus Brasilien und Uruguay. Kurzfasern aus Buche oder Langfasern aus der Fichte kommen aus Skandinavien oder Sibirien. Da muss man hinterfragen: Was ist nachhaltig und was nicht? Man sollte immer versuchen, Transportwege so minimal zu halten wie möglich.

Aber was noch viel schlimmer ist, ist der Prozess, bis Sie an die Faser kommen, mit der Papier hergestellt werden kann. Man kann das wirklich zweiteilen: Das eine ist die Logistik, das andere die Aufbereitung.

Papier wird so hergestellt, dass man in Deutschland ungefähr 4.300 Kilometer bei einer Frischfaser unterwegs ist – vom Baum bis zum fertigen Papier. Wir brauchen ungefähr 100 Kilometer.

Wie machen Sie das?

Wir bauen jetzt zum Beispiel gerade einen Standort auf in Düren in der Nähe der Papierfabriken. Auf einer Achse zwischen Holland und Bergisch Gladbach gibt es unterschiedliche Papierfabriken, die wir beliefern können.

So kommen wir unserem Ziel sehr viel näher, irgendwann nur noch 50 Kilometer Weg zu haben vom Feld bis zum fertigen Papier.

Kann es beim Rohstoff – wie jetzt zum Beispiel durch den heißen Sommer – auch zu Knappheit kommen?

Man kann hier in Deutschland ungefähr fünf Tonnen Trockenmaterial pro Hektar in den Ausgleichsflächen ernten. Wir haben so viel Ausgleichsfläche, dass wir damit ein Drittel der Papierproduktion jetzt sofort auf Grasfasern umstellen könnten, ohne einen Grashalm anzupflanzen.

Das ist in Deutschland so. In Ländern mit anderer Witterung, zum Beispiel im asiatischen, zentralafrikanischen oder südamerikanischen Raum, wächst sieben Mal mehr Gras.

Weil wir Ausgleichsflächen nutzen, sind wir keine Konkurrenz zur Tiernahrung. Außerdem sind immer mehr Tiere in Ställen, die Zahl der Tiere geht zurück und die Landwirte wissen gar nicht, was sie mit dem ganzen Gras machen sollen.


GRASPAP®, der Rohstoff für die Papierfabriken.
Sie haben das Patent auf das Graspapier. Um Konkurrenz brauchen Sie sich also keine Gedanken zu machen?

Richtig. Viel wichtiger für uns ist aber ein ganz anderer Bereich der Patente: Wir haben im Wettbewerb immer nur Milliardenunternehmen. Wir sind mit Abstand der Mickrigste im ganzen Haifischbecken. Wenn Sie die Patente nicht hätten, könnte es ja passieren, dass jemand anderes die Patente hält und das nur für sich macht.

Das Thema Nachhaltigkeit kriegen Sie dann gar nicht so ausgelebt, wie man das eigentlich machen sollte, um einen möglichst großen Effekt zu erhalten. Es geht also gar nicht darum, sich vor anderen zu schützen, sondern das Thema offen zu halten und jedem den Zugang zu diesem Thema Graspapier zu ermöglichen.

Wie geht es weiter mit Creapaper?

Wir haben im Februar den höchsten Umweltpreis in Deutschland bekommen, den Deutschen Innovationspreis für Klima und Umwelt. In dem Rahmen hat man uns gesagt, dass wir das umweltfreundlichste Papier haben, das im industriellen Maßstab momentan auf der Welt gemacht wird.

Wir haben jetzt 23 feste Mitarbeiter und arbeiten mit rund 50 Aushilfen. Die Zahl der Festangestellten im Bereich Graspapier wird sich im nächsten Jahr verdoppeln. Ich glaube auch, dass Hennef ein idealer Standort ist, um Themen nach vorne zu bringen. Man wird hier auch als Unternehmer wahrgenommen, das wird vielleicht in größeren Städten nicht so sein.

Seit letztem Jahr haben wir einen neuen Investor an Bord und hoffen, dass wir irgendwann so skaliert haben, dass wir auch einen Wirkungsgrad feststellen können – dass halt weniger Bäume gebraucht werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Fotos: Creapaper GmbH | Hennef Magazin