Leben

Freifunk: wie ein Ortsverschönerungsverein, nur nicht mit Parkbänken

Die Freifunk Community baut bundesweit ein freies, unabhängiges und dezentrales Funknetzwerk. Mit handelsüblichen Routern entsteht so ein WLAN-Netz von Bürgern für Bürger. Seit Anfang Februar gibt es auch in Hennef eine lokale Community. Wir haben mit Chris, dem ersten Vorsitzenden des Trägervereins Freie Netzwerker, ausführlich über die das Konzept von „Freifunk“ gesprochen.

Chris, kurz erklärt: Was ist Freifunk Hennef eigentlich?

Freifunk kurz zu erklären ist nicht einfach. Die Freifunk-Idee ist wesentlich mehr als einfach nur freies WLAN. Aber ich versuche es…

Freifunk Hennef ist eine von derzeit circa 200 Freifunk Communitys, welche dezentral in Deutschland organisiert sind. Alle Communitys findet man hier. Freifunk an sich gibt es schon seit mehr als zehn Jahren.

Wir haben vor und sind schon stark dabei Hennef mit einem freien und unabhängigen Netzwerk auszustatten. Man könnte es auch Bürgernetz nennen. Ein Merkmal des Freifunk-Netzes ist, dass man damit seinen Internetzugang sicher ganz nachbarschaftlich mit anderen teilen kann. So ist dann Internet über Freifunk verfügbar. Je mehr Leute mitmachen desto größer und besser wird unser Netz. So ein selbstverwaltetes Netzwerk bietet aber noch viele andere Möglichkeiten.

Die ganze dazu benötigte Software wurde von Freifunkerinnen und Freifunkern aus ganz Deutschland gemeinsam entwickelt. Auch für die benötigten Server im Hintergrund und vieles mehr sorgen wir. Alles was man zum Freifunken braucht, kann man auf unserer Seite herunterladen und im Laden um die Ecke kaufen. Freifunk Hennef bringt Freifunk nach Hennef.

Eines sind wir auf jeden Fall nicht: Eine Firma bzw. kommerziell. Wir sind einfach Leute aus Hennef, die für HenneferInnen etwas tun möchten. Vielleicht vergleichbar mit einem Ortsverschönerungsverein. Nur nicht mit Parkbänken, auf die sich jeder setzen kann, sondern mit einem Netzwerk, das jeder nutzen kann. Daher freuen wir uns auch immer über neue HelferInnen.

Wichtig ist uns, dass Freifunk auch nicht als Anbieter einer Lösung, sondern als Gemeinschaft betrachtet wird. Freifunk kann man nicht buchen, man kann vielmehr ein Teil von Freifunk werden. Freifunk ist auch keine rein auf Gewerbe ausgelegte Gemeinschaft. Ohne Unterstützung durch Privatleute, die Router aufstellen, ihr Internet nachbarschaftlich teilen oder uns auch finanziell oder durch persönliche Hilfe unterstützen, kann Freifunk nicht existieren.

Wie das alles technisch funktioniert kann man auf unserer Seite nachlesen.

Welche Vorteile hat Freifunk für die Nutzer?

Freifunk ist komplett frei. Das bedeutet, dass es zum Verbinden mit Freifunk kein Passwort braucht. Freifunk ist grundsätzlich rund um die Uhr verfügbar. Bei uns gibt es keine Landingpage, also eine Seite, die nach dem Verbinden im Browser automatisch geöffnet wird und persönliche Daten verlangt. Bei vielen kommerziellen Anbietern gibt es dazu noch einen „Facebookzwang“. Das bedeutet, dass man dem Anbieter erlauben muss, Werbung auf der eigenen Facebook-Chronik zu posten. So etwas wird es bei Freifunk nie geben.

Dazu kommen viele technische Aspekte, die hier zu weit führen würden. In vielen Communitys gibt es schon netzinterne Services, welche nur im Freifunk-Netz verfügbar sind. Das können Radiosender, E-Books, Daten einer örtlichen Wetterstation und Vieles mehr sein. Auch die Kommunikation mit anderen Teilnehmern im Freifunk-Netz ist theoretisch möglich ohne das Netz zu verlassen.

Wir sehen uns aber nicht in Konkurrenz zu kommerziellen Anbietern.

Und warum sollte man als Anbieter bei Freifunk mitmachen?

Obwohl Freifunk nicht kommerziell ist, können auch Gewerbetreibende mitmachen. Da Freifunk in Form unserer Community auch eine Hennefer Organisation ist, kann man so seinen regionalen Bezug stärken. Das kann sich positiv auf das Image und den Bekanntheitsgrad auswirken.

Ein Standortvorteil von Hennef ist, dass es verkehrsgünstig gelegen ist. Allerdings haben es Kunden so auch einfach auf andere Zentren auszuweichen. Wir sind der Meinung, dass freies WLAN in Hennef die Attraktivität der Stadt steigert und so einen starken Standortvorteil schafft. Wenn alle in Hennef einen kleinen Teil zum WLAN-Netz beitragen, werden wir schnell, günstig und ein von allen Henneferinnen und Hennefern nutzbares Ergebnis erzielen.

Für Unterstützer und Fördermitglieder versuchen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten auch persönlich bei der Installation zu helfen und zu beraten. Dazu verfassen wir dann noch einen Bericht in unseren News und verlinken auf Facebook und Twitter. Alle Freifunk-Knoten können mit Namen auf unserer Karte eingetragen werden.

Aber auch hier ist ganz wichtig: Freifunk ist in keinem Fall nur etwas für Gewerbe und Innenstädte. Ein Bürgernetz funktioniert nur, wenn sich alle beteiligen.

Freifunk-logo-hennef-klein

Was hat es mit der Freifunk Community auf sich?

Die Freifunk Community Hennef – gegründet am 9. Februar 2015 – ist ein freier Zusammenschluss von verschiedensten Menschen jeden Alters, die Freifunk aktiv betreiben, die Idee von Freifunk verbreiten und gemeinsam die Technik weiterentwickeln. Dazu muss man weder Mitglied werden oder etwas zahlen. Einfach mitmachen. Wir treffen uns meist einmal im Monat, viele Aufgaben verteilen wir aber auch online unter uns. Ohne Community kein Freifunk.

Jeder ist bei uns willkommen. Wir können immer Hilfe gebrauchen. Ob bei Soft- oder Hardwareaufgaben, bei der Erstellung von Grafiken, beim Ansprechen von möglichen Unterstützern, bei der Betreuung unserer Website, bei Installationen oder bei der Versorgung mit Keksen etc. Durch Freifunk lernt man viele neue und interessante Leute kennen. Wer möchte, kann sich gerne bei uns melden oder zu einem unserer Treffen kommen. Wir würden uns sehr über neue HelferInnen freuen.

Unser nächstes Treffen ist übrigens am Dienstag den 18. August im Maletto. Alle Daten dazu sind in unseren News (www.freifunk-hennef.de/news) und auf unserer Facebook-Seite sowie auf Twitter zu finden.

Auch auf der FrOSCon am 22. und 23. August in der Hochschule Rhein-Sieg sind wir vertreten. Wer uns und andere Freifunk Communitys kennenlernen möchte, sollte unbedingt mal vorbei schauen.

Hinzu kommt, dass wir zur Finanzierung all unserer Tätigkeiten einen Verein gegründet haben. Der Verein „Freie Netzwerker“ hat unter anderem die Aufgabe als Träger für die Freifunk Community Hennef zu fungieren. Privat- sowie Geschäftsleute haben so die Möglichkeit, uns finanziell und durch persönliche Hilfe zu unterstützen. Denn Freifunk ist zwar frei, doch neben Webseite, Flyer usw. kosten die Serverstruktur sowie der Status als Provider und die RIPE-Mitgliedschaft eine Menge Geld.

Das Wort „gratis“ mögen wir daher überhaupt nicht. Da wir gemeinnützig sind, sind wir auf Spenden und Fördermitgliedschaften angewiesen um die aktiven FreifunkerInnen finanziell zu entlasten. Derzeitiger Status des Vereins ist, dass wir vom Finanzamt Siegburg als gemeinnützig eingestuft wurden, wir warten gerade auf einen Notartermin um die Eintragung vorzunehmen. Sobald die Eintragung des Vereins abgeschlossen ist, werden wir dazu auf der Seite freie-netzwerker.de informieren.

Wie viele Knotenpunkte gibt es derzeit im Stadtgebiet?

Derzeit gibt es ca. 27 Knoten im Stadtgebiet, die meisten sind privat aufgestellte Knoten. Wo es überall schon Knoten gibt, kann man auf unserer Karte nachschauen. In Deutschland sind es nach aktuellen Zahlen ca. 14.000 Knoten!

Wie ist grundsätzliche die Gesetzeslage, was offene WLANs angeht?

Wenn man sein privates oder geschäftliches WLAN – egal ob „Gastzugang“ oder nicht – freigibt, ist der Anschlussinhaber für alles haftbar, was auf diesem Anschluss passiert, egal wer wirklich was Verbotenes getan hat.. Der Gesetzgeber macht es sich hier mit der so genannten Störerhaftung leicht und ermittelt hier nicht den „Täter“, sondern hört einfach beim Anschlussinhaber auf mit der Klärung. Sollte sich herausstellen, dass ein WLAN nicht gesichert war, ist der Anschlussinhaber ohnehin mitverantwortlich, auch wenn er beweisen kann, dass es jemand anders war. Dieses Modell der vereinfachten Schuldzuweisung lehnen wir deshalb ab. In fast allen anderen EU-Ländern ist offenes WLAN übrigens kein Problem.

Da das Ablehnen von Gesetzen leider nicht ausreicht, mussten Freifunker einen anderen Weg schaffen um von der Störerhaftung befreit zu werden. In unserem Fall bedienen wir uns via VPN-Tunnel an den Servern des Freifunk Rheinland e.V. Dieser Verein ist bei der Bundesnetzagentur als Provider gelistet. Provider sind nicht für das Verhalten der Nutzer verantwortlich. Wenn man mit Freifunk surft, hat man so nicht die IP des Anschlussinhabers sondern eine des Freifunk Rheinland e.V. Wie das technisch funktioniert, haben wir auf unserer Seite erklärt.

Wie schätzen Sie die DSL-Versorgung in Hennef ein?

Offiziell soll Hennef zu über 90 Prozent mit schnellem Internet versorgt sein. Wir sehen da allerdings noch immer große Defizite. Teilweise im Stadtgebiet, wie beispielsweise Teile von Geisbach und Warth oder einzelnen Ortschaften wie Weingartsgasse. Gerade auch im internationalen Vergleich hängt Deutschland deutlich unter Platz zehn hinter Ländern wie Lettland oder der Tschechischen Republik hinterher. Hennef bildet da keine Ausnahme. Eine flächendeckende Einschätzung bei einer Stadt mit 100 Dörfern würde allerdings eine ganze Studie füllen. Wir sind da aber guter Dinge, dass sich die Stadt Hennef weiterhin für einen flächendeckenden Ausbau einsetzt.

Wie ist die Unterstützung von Seiten der Stadt Hennef?

Die Stadt Hennef hat einen Knoten in der Touristinfo im alten Rathaus aufgestellt. Laut Pressebericht folgen noch einige weitere. Bürgermeister Klaus Pipke und Thomas Kirstges wünschen sich, dass noch viele weitere Hennefer zu Freifunkern werden.

Eine direkte Kooperation gibt es derzeit noch nicht. Es ist aber gut zu sehen, dass die Stadt selber Knoten aufstellt und so vorlebt, wie nachbarschaftliche Zusammenarbeit funktionieren kann. So modern ist sicher nicht jede Stadt. Vielleicht kommt nach der Gründung des Vereins eine engere Zusammenarbeit zustande.

Was würden Sie sich noch von der Lokalpolitik wünschen?

Am liebsten ist es uns, wenn wir nicht als Politikum benutzt werden. Wir sind keine politische Entscheidung, sondern Hennefer Bürger. Wir möchten gemeinsam etwas erreichen. Parteipolitik kann da manchmal hinderlich sein. Bisher war das aber nicht der Fall und wir haben da in Hennef keine großen Bedenken.

Die Politik kann uns gut helfen, indem sie auf uns aufmerksam macht. Ob in der Partei, in einem Ausschuss oder nach außen. Weitersagen hilft uns sehr, denn bezahlte Werbung ist teuer und aus unserer Sicht nicht der richtige Weg für Freifunk. Wir freuen uns natürlich auch wenn von dieser Seite gegebenenfalls ein paar finanzielle Mittel und persönliches Engagement zusammenkommen oder in Büros und Privaträumen Freifunk betrieben wird.

Sehr schön wäre, wenn wir städtische Gebäude nutzen könnten, um Knoten für Richtfunk oder ein besseres Mesh beziehungsweise ein so genanntes Backbone aufzubauen. Das ist aber noch Zukunftsmusik. Einfach mal bei einem guten Kaffee zusammensetzen und sich unterhalten. Das ist immer ein guter Anfang.

Wie sind Sie dazu gekommen, Freifunk Hennef zu gründen?

Das war relativ spontan. WLAN, Open-Source, technische Spielereien, und aktiv mit anderen zu sein war ohnehin ein Hobby von uns. Nachdem wir uns die Idee hinter Freifunk genauer angeschaut haben, war die Community so gut wie gegründet. Zwar war uns Freifunk schon früher ein Begriff, weiter befasst haben wir uns damit allerdings vorher nicht.

Wie man an der Länge der Antworten sehen kann vielleicht auch deswegen, weil es erstmal recht komplex wirkt. Aber nach vielen Stunden vorm Bildschirm, ein paar Kaffee zusammen mit Kuchen von unserer jetzigen „Vereinsbäckerin“ war das Grundwissen angeeignet.

Wir haben einfach Freude daran, etwas für unsere Stadt zu tun. Und damit sind wir in Hennef auch in guter Gesellschaft.

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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